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Helga König im Gespräch mit dem mehrfach ausgezeichneten Jazz-Pianisten Vladyslav Sendecki

Gespeichert von maru am 21. Februar 2017 - 9:01
21. Februar 2017 - 10:00 to 30. April 2017 - 10:00

 

Helga König im Gespräch mit dem mehrfach ausgezeichneten Jazz-Pianisten Vladyslav Sendecki 
 

Helga König: Lieber Vladyslav Sendecki, Sie sind mehrfach ausgezeichneter Jazz-Pianist, leben derzeit in Hamburg und sind in Krakau aufgewachsen. Wann haben Sie Klavier zu spielen begonnen und wann stand für Sie fest, ein Musikstudium zu absolvieren? 

Vladyslav Sendecki: Ich kann mich daran gar nicht erinnern. Ich denke, ich habe schon gespielt, bevor ich gehen konnte (lach). Meine Mutter sagte, ich stand noch unter der Tastatur und mit erhobenen Händen habe ich geklimpert. Bewusst weiß ich, mit 4 1/2 Jahren habe ich schon die Noten gekannt und da ich ein absolutes Gehör hatte (im Alter lässt es etwas nach), wusste ich ziemlich gut, was, wo und wofür die Tasten sind und wie sie klingen. Natürlich auf der "Baby- Ebene". 

Es stand für mich eigentlich nichts anderes zur Debatte, dass Klavier und Musik insgesamt meine Berufung war. Da sind allerdings meine wundervollen Eltern, mit ihrer Unterstützung in dem Prozess nicht wegzudenken. Im Hause meiner Eltern und Großeltern war Musik, Kunst und Architektur überhaupt auf der vordersten Bewunderungsstufe. Wir hatten ein Klavier oder Flügel beinahe in jedem Zimmer, seit Generationen. Alle lernten und spielten Klavier neben ihren Hauptberufen. 

Helga König: Sie haben am Frédéric-Chopin-Konservatorium (Fryderyk-Chopin-Musikakademie) und an der Musikakademie Krakau studiert. Können Sie unseren Lesern etwas über diese Zeit und Ihre Erfahrungen im Studium berichten? 

Vladyslav Sendecki: Erst wurde ich von meinem Vater unterrichtet, dann im Alter von 11 Jahren wurde ich nach Krakau gesandt, um ein Urteil der Professoren zu erfahren. Nach meiner "Vorstellung" wurde mir gesagt: "in drei Tagen bist du hier um zu studieren". Es war eine Spezialschule mit allen normalen Fächern, nur die Musik nahm ca. 70% der Aufmerksamkeit ein. Mein Klavierunterricht ging täglich über mehrere Stunden, danach musste ich noch üben. Periodisch saß ich 8 bis 10 Stunden am Flügel. Manchmal, vor einer Competition hatte ich monatelange zwischen 6 bis 8 Stunden Klavierunterricht täglich. Dann musste ich noch üben. Aber ich liebte es, weil ich immer schöner spielen konnte und ich war für alle Eingeweihten viel wert. Das gab mir sehr viel Kraft, so machten mir meine Rückenschmerzen und mein Verzicht auf kindliche "Dummheiten" nichts aus. 

Helga König: Welche spezielle Beziehung haben Sie zu den Kompositionen von Chopin und haben diese in ihrem späteren Leben als Jazz-Musiker eine Rolle gespielt? 

Vladyslav Sendecki: Polnische Musik- Bildung war sehr konservativ. Also Bach, Beethoven, Chopin waren das Absolutum, Chopin natürlich groß als das polnische Aushängeschild. Ein Musikgenie mit soziologisch, politischer Deutung. In meiner Zeit war natürlich "Freiheit und Unabhängigkeit" ein Geheimcode, "das Gebot der Stunde". Somit ist Chopin mit seiner Musik, falls sie richtig verstanden ist, wie "die Kanonen in den Blumen versteckt".

Leider wird Chopin als "nur" schöne romantische Melodik mit Drang zum weinerlichen wahrgenommen.... es ist natürlich Blödsinn. Chopin hat eine ungeheure Tiefe, und es ist nicht zur Belustigung. Das ist mein Problem mit Jazz. Leider wird eben Jazz als sehr leichte und vielleicht etwas schmuddelige Muse angesehen. Jazz ist meiner Meinung nach eine schwachsinnige Erfindung der Musikzuhälter. 

So werden auch dementsprechend die "Helden" kreiert. Selten spricht man über Jazz als gleichwertig mit Klassik, Kunst. Das ist ein Irrtum der auf "nicht begreifen" zurückzuführen ist. Man versucht es, mit Jazz Education zu kompensieren, mit leider für JAZZ tödlicher Wirkung. 

Helga König: Wie definieren Sie Jazz? 

Vladyslav Sendecki: Jazz ist eine Kunstform in der fusioniert das Leben, Musikkunst, Welt der Klänge, Spontanität und Kreativität im gleichen Moment zusammen kommen. Pierre Boulez sagte, dass das größte Problem des Jazz sei, dass er nicht aufgeschrieben sei bzw. dass man ihn nicht aufschreiben könne. Ich finde ihn sehr altmodisch bzw. dadurch ist Jazz noch wertvoller, da einzigartig und nur auf einem Konzert oder Tonträger haltbar. Damit ist der Künstler im Vordergrund und nicht austauschbar. Allerdings,  die Schulen machen alles austauschbar. So schließt sich meine Aussage.... 

Helga König: Welche Jazzpianisten der Vergangenheit haben auf Ihr Spiel einen besonderen Einfluss ausgeübt? 

Vladyslav Sendecki: Meine pianistischen Helden? Es gibt viele, aber... Horowitz, Horowitz, die lebenden ... Krystian Zimmerman, mein Studienkollege und "Gegenspieler" bei Competitions seit wir eben kleine Jungs waren. Krystian ist ein Gigant mit der notwendigen Tiefe. Nicht Mode, Show und Billiges tun,... Kunst der Musik, nichts anderes. Das geht nur mit Herzensbildung, und die Nähe  von Gott zu leben, damit meine ich eine höhere Ebene, (es hat mit Religion nichts zutun ).

Jazz hatte natürlich seine Größen. Das waren Künstler, die aus der Schwarzen Szene kamen und sogenannten "Jazz" mitbrachten. Errol Garnen, Oskar Peterson, die Klassiker, wenn man vom Swing, Blues spricht. Ellington, die Lebenden Ahmad Jamal, McCoy Tyner, Herbie Hancock ... sie spielen die Musik aus den gleichen Gründen wie Chopin, Beethoven etc..  Sie brachten die "Schwarze Kultur" in den Salon. 

Die "Weiße Kultur" entdeckten Rhythmus und Drive ..., so akzeptierten sie es und nannten es Jazz. Dann waren da die "Händler", schon sehr gut vernetzt. Sie machten ihre Geschäfte. Mit der Zeit ist Europa auf der Suche nach eigener Identität. Es gibt viele tolle Musiker, Künstler, die viel anzubieten haben. Sehr interessant. 

Helga König: 1981 sind Sie aus politischen Gründen in die Schweiz übergesiedelt und starteten von dort aus mit dem Polski -Jazz-Ensemble eine internationale Karriere. Können Sie unseren Leser darüber Näheres berichten? 

Vladyslav Sendecki: Ich habe mich in Polen politisch engagiert, dachte mein Name und Status erlaubt es mir, meinen Senf zu der Sache dazu zu geben. Die Rache des Systems war brutal... hier ist keine Zeit für Einzelheiten, aber ich musste fliehen. Eine Woche nach der Anreise in die Schweiz wurde ich nach einem Konzert von meinem damaligem Idol dem amerikanischen Drummer Billy Cobham angerufen, damit war ich ganz schnell in aller Munde. Das war der Anfang. Etwas später haben wir das "Polski Jazz Ensemble" ins Leben gerufen. Damit haben wir in der westlichen Hemisphäre für Solidarnosc, unsere politische Weltanschauung manifestiert. Wir haben Teile unserer Honorare für Solidarnosc gespendet. Polen war im Kriegszustand. Aber wie es so ist, die Welt wurde klein und ich arbeitete hauptsächlich mit amerikanischen Jazz- Größen, .... eben in der Welt. 

Helga König: Sie haben mit einer Reihe sehr namhafter Musiker gespielt. Welche musikalischen Erfahrungen machten Sie in der Zusammenarbeit mit Klaus Doldinger und welche mit Till Brönner?

Vladyslav Sendecki: ......( lacht) ...... Till ist ein toller Musiker, wir haben tolle Konzerte gespielt... sehr begabt,.... jetzt.. Die Glätte ist nicht mein Gemüse... (lach). Ich weiß, dass er auch anders kann, aber.... wie ich sagte .., Soziologie spielt hier eine Rolle denke ich... 

Über Doldinger kann ich nicht viel sagen, da gab es nichts, was mich inspirieren konnte, daher habe ich auch nach der CD Aufnahme und Tournee alles Weitere abgesagt. Ich kann darüber nichts Interessantes berichten, weder Künstlerisches, noch Menschliches. Allerdings zu Ihrer Frage, gewiss, ein hoher Bekanntheitsgrad bedeutet nicht künstlerische oder menschliche Qualitäten. 

Große Künstler sind auch in der Regel große Menschen, das ist elitär ...hat mit bekannt oder populär leider wenig zu tun, .. So wie in anderen Lebensbereichen verbreitet, genauso in der Musik: Billig, schnell, beliebig... schön verpackt und zum Erwerben an jeder Ecke. ... tja... so wird es zum Massenprodukt, was die Händler sehr mögen... 

Helga König: Seit 1996 sind Sie Pianist in der NDR Bigband. Was gibt es darüber mitzuteilen?

Vladyslav Sendecki: Vieles, ich habe den Vertrag in meiner Umbruchszeit gerne angenommen. Ich habe als Produzent zu der Zeit gearbeitet und sollte nach London... da es MCA Universal auch in Hamburg gab, bin ich meinen alten Kollegen begegnet und... dann kam das Angebot von der NDR BigBand. Ich war wieder durstig nach Musik und Gleichgesinnten. Es war ein sehr interessantes künstlerisches Modell, diese Band als Solisten Band mit sehr viel künstlerischer Freiheit. Es ist zwar als BigBand Pianist im "normalen Sinne" nicht gerade aufregend, aber die Einstellung dieser Band war anders. Ich sehe meine Rolle als ein Architekt, der alle Elemente zusammenführt und Stimmungen und Dramaturgie der Kompositionen aufbaut. Es ist eine gigantische Aufgabe, Vielfalt dieser Art der orchestralen Musik zu gestalten. Es ist eine Herausforderung... 

Helga König: Wie lässt sich Ihre Signatur am besten beschreiben? 

Vladyslav Sendecki: Meine künstlerische Philosophie ist sehr einfach. Vom Herzen für Herzen. Ich wachse und entwickle mich jeden Tag, mit dem, was ich sehe, höre, spüre, rieche etc. das gebe ich in meiner Musik wieder. Bewusst lege ich großen Wert auf spontane und unbefangene Performance. Ich lebe meine Musik mit dem Publikum jetzt und hier. Ich mache keine großen Pläne und versuche mein State of Mind frei und offen zu halten, um mich ehrlich hinzugeben. Der Körper spielt hier keine Rolle, es ist ein verlängerter Arm des "Inneren". So möchte ich gelesen werden. Ich habe mit Bobby McFerrin über "Uns" gesprochen, was sind wir eigentlich, Jazz Musiker? Klassische Musiker? Bobby sagte : Wir sind Musiker des Volkes, der Menschen ... I Iike that. 

Helga König: Können Sie unseren Lesern zu Ihrer CD "Solo Piano Vladyslav Sendecki at Schloss Elmau" Näheres berichten? 

Vladyslav Sendecki: Elmau... ein schöner Ort um Konzerte zu spielen. Die Plattenfirma Act wollte mein Solo Spiel veröffentlichen. Die Idee "Elmau" stammte nicht von mir. Aber es war schön. 

Helga König: Seit 2009 stehen Sie unter dem Motto: Lyrik & Jazz auch mit Ihrer Frau, der Schauspielerin Angélique Duvier, mit Projekten wie "Ein polnischer Traum" und "Joseph Freiherr von Eichendorff" auf der Bühne. Was gibt es dazu zu sagen? 

Vladyslav Sendecki: Lyrik und Jazz.... eigentlich nichts Neues, nur... Erstens muss ich sagen, ich bin gesegnet, die deutsche Sprache gut genug zu verstehen, um in den Genuss zu kommen. Das verdanke ich auch Angélique, die mir ein tägliches Umfeld der schönsten deutschen Sprache ermöglicht. Ich liebe die deutsche Sprache sehr und es macht mir große Freude und es ist ein Fest sprachlicher Sinnlichkeit,  Angélique auf der Bühne zu erleben. Ich versinke regelrecht in ihren Vorträgen. Musik ist hier eine Kulisse, Bühnenbild, Licht, Vorwort,.... mehr auch nicht. Alle Projekte, die wir gemacht haben und machen, haben eine Linie. Es geht um den besseren Menschen, der Traum im Schaffen aller Denker....., mit deren und eigenen Worten und unserer künstlerischen Einstellung tun wir alles uns Mögliche, diese großen Ideale zu leben und uns nicht zu enttäuschen.

Lieber Vladyslav Sendecki, ich danke Ihnen herzlich für das aufschlussreiche Gespräch.

Quelle: http://interviews-mit-autoren.blogspot.de/2017/02/helga-konig-im-gesprach-mit-dem.html

 

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