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Wolf Kerschek | My Polish Heart - Symphonic Jazz Vol. 2

Gespeichert von maru am 27. Oktober 2016 - 23:16
27. Oktober 2016 - 21:00

 

CD Tipp

Wolf Kerschek "My Polish Heart"
Symphonic Jazz Vol. 2 - My Polish Heart

Rezension von Kai Butterweck-Kiesling – freier Journalist aus Berlin

Als Wolf Kerscheks symphonischer Kniefall vor den Künsten des polnischen Jazzpianisten Vladyslav Sendecki im Jahr 2011 in Kattowitz uraufgeführt wurde, stand für den Urheber bereits fest: Diese Adelung müsse irgendwann einmal auch auf einem Tonträger verewigt werden.

Fünf Jahre später ist es nun soweit. Gemeinsam mit den Hamburger Symphonikern und ausgewählten Solisten der NDR Bigband rollt Wolf Kerschek seinem Lieblingspianisten einen in Musik gegossenen roten Teppich aus.

Von auslotsenden orchestralen Farben umgeben, schlängelt sich die wahlweise opulent oder minimalistisch aufbereitete Melange aus Folklore und Klassik durch die Gehörgänge ein. Zwischen musikalischen Erinnerungen („First Memories“), spirituellen Gedankenreisen („Spiritual Journey“), tiefgreifenden Transformationen („Transformation“) und schicksalhaften Begegnungen („Destiny“) präsentiert Wolf Kerschek den ultimativen Brückenschlag.

Mit seinen schier unbegrenzten Fingerfertigkeiten verleiht Vladyslav Sendecki dem Album einen ganz besonderen künstlerischen Glanz. Wahlweise pointiert oder mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln setzt der Pole ein musikalisches Ausrufezeichen nach dem anderen.

Kerschek habe von Anfang an gespürt, dass in dem Pianisten „viel mehr steckt, als er im Rahmen von Jazz und Bigband ausleben kann“, so der Schirmherr des Ganzen. Manchmal muss man eben aus seiner Komfortzone heraus, um die Unendlichkeit des Machbaren vor Augen geführt zu bekommen. Vladyslav Sendecki spielt sich phasenweise in einen Rausch, hält zwischendurch gekonnt inne, nur um im Anschluss noch eine weitere Schippe draufzulegen.

Neben der beindruckenden oberflächlichen Symbiose aus spielerischem Können und kompositorischem Know How ist es aber vor allem der emotionale Ansatz, der „My Polish Heart“ zu einem besonderen Studiowerk macht. Trotz der teils kompromisslosen musikalischen Eruptionen stehen der menschliche Bezug, sowie das romantische Korsett des großen Ganzen stets im Vordergrund.

Vom sich mystisch aufbauenden Beginn („Birth Of Consciousness“) über fulminante Jazz-Adelungen („Moving Ahead“) bis hin zum finalen Big Band-Paukenschlag („Free At Last“) pulsiert das „Polish Heart“ auf höchstmöglichem Niveau.

Von improvisatorischem Drang getrieben, füllen die Beteiligten – allen voran Vladyslav Sendecki – jede Sekunde des Albums aus. Schlussendlich kniet auch der Hörer nieder, übermannt von romantischen Emotionen und fast schon den Tränen nahe. Und das Schönste ist: Es bedarf nur eines Fingerdrucks an der heimischen Musikanlage, und das „Polish Heart“ schlägt weiter, und weiter, und weiter.

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Klavierkonzert „My Polish Heart“ komponiert von  Wolf Kerschek mit Vladyslav Sendecki und NDR Bigband

Für Wolf Kerschek war es ein eigentümliches Gefühl, zum ersten Mal Polen zu bereisen: „Meine Großmutter war polnische Übersetzerin, mein Vater ist in Pommern geboren. Ich spreche die Sprache nicht, und doch fühle ich mich dem Land sehr verbunden“. Dieses Gefühl ist alles andere als selbstverständlich. Doch die Begegnung mit der polnischen Folklore setzte eine besondere Assoziationskette  in Gang: „Vladyslav Sendecki ist mein Lieblingspianist und ich entdeckte gewisse musikalische Parallelen.  Also schrieb ich ein Klavierkonzert für ihn und die NDR Bigband.

Gemeinsam haben wir es „My Polish Heart“ genannt. Der Komponist Kerschek, der die NDR Bigband schon lange und auch als Dirigent gut kennt, ergänzt: „Da gibt es konzeptuelle, thematische Improvisationen. Die Solisten spielen nicht, wie beim normalen Jazzstandard über die Harmoniefolgen eines Themas, sondern hier gehen Improvisationen in die komponierten Teile über, folkloristische Elemente - also das „Polish Heart“ - tauchen eher als Assoziationen auf. Da ist keine musikwissenschaftlich nachweisbare Verbindung“, bedauert Wolf Kerschek, „aber harmonisch ist es dichter an Chopin dran als an Thad Jones“.

Eine Nähe, die Vladyslav Sendecki  gut gefällt. Der romantische Grundgedanke, im Hörer Emotionen entstehen zu lassen, zieht sich doch wie ein roter Faden durch sein Leben als Musiker: „Ich empfinde die heutige Welt oft als zu kalt und gefühllos. Ich möchte, dass die Menschen ein wenig sensibilisiert werden durch mein Spielen“.

 

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