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Olga Tokarczuk - Reminiszenzen an den Literaturabend in Hamburg

Gespeichert von maru am 22. Mai 2009 - 11:24
Olga Tokarczuk

Copyright © Heidi Peemüller

http://www.youtube.com/watch?v=ygBjVRBMMnw

www.zeit.de/2009/25/L-B-Tokarczuk

Mit freundlicher Unterstützung des Generalkonsulats der Republik Polen fand am 17.06.2009 in Hamburg, in der Buchhandlung Th. Christiansen, ein literarischer Abend mit Olga Tokarczuk statt. Moderiert und übersetzt hat Pawel Sprawka. Ausgewählte Fragmente aus dem Buch „Unrast“ las die Autorin im Original selbst - sowie Katja Danowski auf Deutsch vor.

Olga Tokarczuk wurde in 29.01.1962 in Sulechów bei Zielona Góra (Grünberg) geboren. In Warschau absolvierte sie ein Psychologie-Studium, dass sie 1985 beendete. Im Verlauf Ihres Studiums arbeitete sie in einem Therapiezentrum für schwer erziehbare Jugendliche sowie in einer psychiatrischen Klinik. Anschließend zog sie nach Wroclaw (Breslau) und als nächstes nach Wałbrzych (Waldenburg), wo sie als Psychologin und Therapeutin arbeitete. Seit 1998 lebt sie in Krajanów, in einem kleinen Dorf bei Nowa Ruda und seit kurzem auch in Wrocław.

Olga Tokarczuk ist unbestritten eine der populärsten Erzählerinnen der jüngeren Generation der polnischen Schriftsteller. Sie ist einer der bedeutensten Vertreterin der neueren polnischen Literatur. Durch die Kraft der einfachen, schönen und poetischen Sprache begeistern ihre Bücher nicht nur die Leserschaft und die Kritiker in Polen sondern auch im Ausland. Sie schreibt teilweise realistische aber auch märchenhafte, poetische Erzählungen. Olga Tokarczuks Geheimnis liegt, neben ihrem brillanten, literarischen Talent, ganz sicher in der philosophischen Tiefe ihrer Bücher. Diese konzentrieren sich besonders auf die kleinen Dinge des Alltags, die durch eine in die Unendlichkeit weisende metaphysische Perspektive geschildert werden. Dadurch bekommen sie eine tiefere Bedeutung- eine zweite und dritte Ebene. Solch eine metaphysische Perspektive entwickelt auch ihr aktuelles Buch- „Unrast“ (pol.“Bieguni“), das von Esther Kinsky hervorragend übersetzt hat. Der Roman wurde mit dem polnischen Nike-Literaturpreis 2008 ausgezeichnet und groß gefeiert. Das Leitmotiv des Buches ist die Reise um die weite Welt. Sie ist, nach Olga Tokarczuk, die größtmögliche Annäherung an das, was unsere moderne Welt zusammen hält: Bewegung und Instabilität. Das Buch ist in strengem Sinne des Wortes gar kein Roman sondern setzt sich zusammen aus mehreren Erzählungen beziehungsweise Texten esseistischer Form. Permanent tauchen Protagonisten auf, die ab und zu aufeinander treffen.
Da ist eine russisch- orthodoxe Sekte Bieguni (die Läufer), die durch ständige Bewegung dem Teufel entkommen will. Immer wieder kommen die Anhänger der Bieguni zu Wort:
Lasst stehen und liegen, was ihr besitzt, verlasst Euren Grund und Boden und setzt Euch in Bewegung. Denn alles, was seinen festen Platz hat in dieser Welt, jeder Staat, jede Kirche und Regierung, alles was in dieser Hölle seine Form behalten hat, ist dem Anti-Christ zu Diensten“.
Für andere Protagonisten gelten wiederum andere Gründe für ihre Unrast:
„Viele Menschen glauben, dass es im Koordinatensystem der Welt einen Punkt der Vollkommenheit gibt, wo Zeit und Ort im Einklang sind. Vielleicht ist das überhaupt nur der Grund, weshalb sie zu Reisen aufbrechen. Sie meinen, dass planloses Herumreisen, die Wahrscheinlichkeit erhöhe, auf diesen Punkt zu stoßen“.
Hinter jeder Reise steht der Gedanke von Heimat:
„Jede Epoche sieht sich versucht, den Zustand des zeitgenössischen Menschen mit irgendeinem schlauen Wort zu beschreiben. Mir scheint, dass für unsere Zeit 'Unrast' ein solches Wort sein könnte“.

Olga Tokarczuk in Hamburg
Copyright © Heidi Peemüller

Olga Tokarczuk: Ich habe enorme Schwierigkeiten, das Buch den Lesern vorzustellen, weil dies ähnlich wie Puzzlelegen ist. Es ist wichtig, welche Fragmente ich bei einem Literaturabend aus dem Buch auswähle und vorlese, weil aus diesen Fragmenten ein Eindruck des Buches entstehen soll. Deshalb habe ich die Idee, dass die Leser, die hier vor Ort sind, die Fragmente aussuchen sollen. Dafür danke ich Katja Danowski, die dies für mich tat.

Beim Lesen des Romans „Unrast“ kann man sich fragen, inwiefern ist er biographisch?

Olga: Das Buch besteht aus meinen Reiseerfahrungen und Wahrnehmungen der letzten acht Jahre, aber die Erzählerin, die ich konstruiert habe, das bin nicht ich. Das ist aber auch gut so, weil ich mich von ihr distanzieren wollte und dadurch einen anderen Blick auf die Geschichte bekommen konnte. Sie sieht auch anders aus, hat kurze Haare und trägt keine Brille… (lacht). Als ich den Rahmen des Romans geschaffen und mich entschlossen habe, dass er die Welt der Reisenden widerspiegeln soll- flimmernd, überraschend und spannend, bekam ich große Angst, ob diese Form der Erzählung durchzuhalten sein wird. Ich habe lange überlegt, wie man so etwas konstruieren kann, damit es zusammenhält, damit es eine Einheit und Ganzheit bekommt. Mir ist klar geworden, dass man nicht linear erzählen kann. Die meisten meiner Bücher schrieb ich fragmentarisch. In „Unrast“ ist der einzige Schlussstein der kleinen Erzählungen und Konstellationen eben die Erzählerin, die ich sehr stark konstruieren musste. Sie sollte überzeugend sein, daher hat sie auch sehr viel von mir selbst bekommen. Deshalb wirkt das Buch ein wenig biographisch.

Es geht um die Haltung der Erzählerin. Zum Beispiel die Geschichte über Kunicki: (…)Sicher raucht er eine Zigarette, vielleicht sogar zwei (…). Da scheint auf einmal so eine Distanz oder eine Unsicherheit, Unwissenheit aufzutauchen. Ist das eine Distanzierung von der Sicherheit, oder will die Erzählerin damit sagen, dass sie nicht alles weiß?
 
Olga: Ja. Eine tolle Intuition! Diese Erzählung über Kunicki ist der erste eigentliche erzählerische Text des Buches. In dieser Geschichte wollte ich über Dinge erzählen, die einem sehr vertraut, normal und offensichtlich vorkommen und trotzdem eine zweite Ebene und ein Geheimnis besitzen können. Die Erzählerin hält zwar Monologe und strahlt eine gewisse Sicherheit aus, aber sie weiß nicht immer alles. Sie ist wie ein wanderndes Auge, das erzählt, was es sieht und somit launenhaft ist.


Können wir etwas mehr über den Entstehungsprozess  des Buches „Unrast“ erfahren?

Olga: Vor „Unrast“ schrieb ich „Taghaus, Nachthaus“. Das Buch war in gewissem Sinne mit meinem Lebensexperiment verbunden. Ich und mein Mann haben vor einigen Jahren ein altes Bauernhaus in den Sudeten gekauft. Wir sind aus der Stadt gezogen, um ein neues, romantisches Leben auf dem Lande zu beginnen. In diesem Buch „Taghaus, Nachthaus“ versuchte ich, das Phänomen der Verwurzelung, des Ruhigerwerdens, des Ankommens zu beschreiben. Aber im Grunde habe ich eine Geschichte erzählt, wie fremd diese Welt für uns ist, wie schwierig es ist, irgendwo anzukommen und Wurzeln zu schlagen. Dieses Lebensexperiment ist mir aber nicht gelungen. Danach fing ich an, für eine lange Zeit durch die Welt zu reisen. Das Buch „Unrast“ steht im Dialog mit der Weltvision des Buches „Taghaus, Nachthaus“. Der Roman war in Polen sehr bekannt und erfolgreich, aber danach klebte an mir so ein Etikett, welches mit gar nicht gefällt: einer bäuerlichen Frau, die Ziegen melkt und Gänse hütet. Die polnischen Leser haben in mir das Pendant zu Andrzej Stasiuk aus Beskiden gesucht. Plötzlich fühlte ich mich sehr eingeschachtelt. Als ich von meinen Reisen nach Hause zurück kam, z.B. aus Neuseeland, da haben mich die Leute nicht nach Neuseeland gefragt, sondern: Frau Tokarczuk, wie leben sie da auf dem Dorf? Ich habe erfahren, wie die Leser einen Autor in ein bestimmtes Klischee hineindrängen können. Das Buch „Unrast“ ist für mich ein Durchbruch, wo ich mich von diesem Klischee befreien wollte. Ich würde aber darauf bestehen, dass man die zwei Bücher nebeneinander stellt. „Unrast“ und „Taghaus, Nachthaus“ gehören zusammen.
In dem Buch „Taghaus, Nachthaus“ wird die Unfähigkeit der Verwurzelung und die Welt, als etwas von Natur aus fremdes, in einer kleinen Welt dargestellt - ein Dorf, ein Tal, ein Privatleben. In „Unrast“ dagegen spielt die Handlung in der ganzen Welt. Es war schwer, das Buch zu schreiben, in dem die Aktion überall, aber auch nirgendwo spielt.
 
In Polen gibt es noch auch ein weiteres Klischee über Olga Tokarczuk: die Frauenfiguren ihrer Bücher sind in der Regel stärker, deutlicher und interessanter als die Männerfiguren. Inwiefern wird das in diesem Buch weitergeführt?
 
Olga: Tatsächlich gibt es in Polen so ein Klischee über mich und viel zu oft muss ich mich rechtfertigen, dass ich eine Frau bin. Die männlichen polnischen Autoren werden nie danach gefragt und müssen sich nicht als Männer erklären.
Ich denke, es ist sehr natürlich, dass meine Frauenfiguren stärker und präsenter als die männlichen sind, weil ich mich mit ihnen leichter identifizieren kann. Ich muss zugeben, dass dies auch Absicht ist.  Für die polnische Literatur ist es geradezu notwendig und wichtig, starke Frauen zu präsentieren, die sich ins Gedächtnis tief einprägen. Gewöhnlich haben sie weniger Ausdruckskraft als Männerfiguren.

Wie viel Wahrheit kann ein Reisender von der Welt und den Menschen sehen?
 
Olga: Ich glaube recht viel. In „Unrast“ entwickle ich eine Theorie der Reisepsychologie. Wenn sich ein Mensch auf eine Reise begibt, löst er sich von bestimmten Verankerungen, die ihn im Alltag in seinem Leben beschreiben und festlegen. Er lässt seine Masken, seine gesellschaftlichen Rollen zurück und tritt eine Reise entsprechend nackt und authentisch an. Dadurch ist er ein besseres Erkenntnisinstrument, fast „sauberer“. Das ist auch meine eigene Erfahrung, wenn ich mich auf Reisen begebe, wenn ich am Bahnhof mit meiner Reisetasche stehe, dann plötzlich, als ob ich mich verpuppt hätte, werde ich zu einer Anderen, die aufgehört hat, sich mit sich selbst und ihren Neurosen zu beschäftigen. Mein inneres Auge wird sauber, sieht mehr und besser. Ich werde sensibel und zärtlich. Bitte schaut euch das an, schaut euch selbst an, wie dieses Phänomen funktioniert, wenn ihr demnächst auf dem Flughafen seid.
Ich will noch eine Sache zuzufügen: das Buch „Unrast“ war für mich sehr schwer zu schreiben, es hat mich auch müde gemacht. Deshalb habe ich jetzt beschlossen, eine einfachere, lineare Geschichte, wo es eine Hauptfigur gibt, mit normalen Dialogen, wo etwas beginnt, sich entwickelt und endet zu schreiben …und die werde ich zu Hause schreiben.

Vielen Dank und alles Gute!
 
 

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